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Lebenszeugnis Margret S.

Margret S. (*1925), Fotografin & Fürsorgerin

In unserer Bibliothek gibt es ein Buch, da erzählt ein Familienvater seine Lebensgeschichte. Er gab ihr die Überschrift:
"Manchmal schlimm - immer schön!"
Das könnte auch die Überschrift zu meiner Geschichte sein.

In der Diaspora
Ich lebe seit ca. 10 Jahren auf dem Kupferberg auf unserer Seniorenstation. Großgeworden bin ich aber in Staßfurt in Sachsen-Anhalt. Da kommen auch meine Eltern und drei Geschwister her, ich bin als einzige in Menden hier im Sauerland geboren. Das kam daher: mein Vater hatte sich für zwei Jahre dorthin versetzen lassen, weil er einmal eine katholische Gegend kennen lernen wollte. Kirchlich gehörten auch wir in Staßfurt zu Paderborn, aber unsere Gegend war Diaspora. Wir hatten zwar eine ziemlich große Kirche, aber die katholische Schule, in die wir gingen, war eine einklassige Schule, vom Bonifatiuswerk gegründet. Wir fanden das ganz normal. 1939 wurde die Schule aufgelöst.

Ordensschwester werden?
Nach dem Krieg war unsere Gemeinde ziemlich angewachsen durch viele Flüchtlinge aus dem Osten. Da fand auch das erste Mal wieder eine Volksmission statt. Vier Patres aus dem Eichsfeld hielten früh und abends Predigten für Männer, Frauen, Jugend und Kinder. Dabei fragte mich einer der Patres, ob ich nicht Lust hätte, Ordensschwester zu werden.
Auf dem Nachhauseweg erzählte ich das meinem Vater. Aber er war nicht dafür. Trotzdem fuhr ich nach Schönebeck. Dort lebten Karmelitinnen - tätige, nicht beschauliche. Sie machten ambulante Krankenpflege und hatten eine Säuglingsstation. Eine Schwester erzählte mir von ihrem Orden und wie sie lebten und dass sie etwa 1870 dort in die Diaspora gerufen wurden seien zur Pflege der Pestkranken und Cholerakranken. Aber mir war das alles sehr fremd.

Dann lebte die Jugendarbeit auf, wir waren eine ganz schöne große Runde, es kamen ja viele aus Schlesien und dem Sudetenland dazu. Es gab Treffen, Schulungen und Bekenntnissonntage.
In Roßbach bei Naumburg wurde das Jugendhaus St. Michael gegründet. Sie suchten noch hauptamtliche Mitarbeiter. Der Jugendkaplan sprach mich an, und ich hatte schon so gut wie zugesagt. Da wurde meine Mutter krank, und ich sagte wieder ab.
Inzwischen arbeitete ich in einem Fotogeschäft. Fotoapparate gab's noch nicht, aber es wurde trotzdem viel fotografiert.
Eine aus der Pfarrjugend trat bei den Schönstatt-Schwestern ein, eine bei den Heiligenstädter Schulschwestern. Beide habe ich dorthin begleitet. Es war eine neue Welt, etwas sprach mich an.

Mein Vater lieh sich manchmal vom Pfarrer oder vom Vikar Bücher aus. Manchmal blätterte ich darin, wenn ich abends vom Heimabend der Pfarrjugend nach Hause kam. Eines hieß: "Der stumme Jubel", seitdem liebe ich den Psalm 8.

Oder doch Seelsorgehelferin?
In Magdeburg entstand das Seelsorgehelferinnen-Seminar. Ich fragte unseren Pfarrer, ob das etwas für mich wäre. "Fahr doch mal hin", sagte er. So stellte ich mich beim Rektor F. vor. Er fragte mich manches und merkte, dass ich wohl gern katholisch war, aber zur Seelsorgehelferin fehlte mir wohl noch einiges. Er schlug mir vor: "Fahren Sie doch mal nach Naumburg, da ist eine neue Gemeinschaft, die die Frau F. leitet. Leben Sie einfach mal eine Weile da mit."

Ja, so habe ich nach 13 Jahren die Arbeit im Fotoladen gekündigt, fuhr erst noch in Urlaub zu meinem Bruder in den Schwarzwalt. Der gab mir für die Rückfahrt den "Fährmann" mit, eine katholische Jugendzeitschrift. Da stand etwas von den "Auxiliaires" drin, eine internationale Gemeinschaft von Frauen, die ihren Sitz in Belgien hatte. Das gefiel mir so gut, dass ich noch in Bebra, der letzten Station vor der innerdeutschen Grenze, dorthin schrieb und um Material bat. Das kam auch bald, aber zwei Grenzen waren am Ende dazwischen.

Erste Schritte in einer neuen Gemeinschaft
In Naumburg hatte mich Frau F. freundlich aufgenommen. Die praktische Arbeit im Kinderheim mit den Kindern und im Haus, das sprach mich an. Ich erfuhr etwas über die Gemeinschaft, die gefiel mir, das gemeinsame Beten auch. Aber die Benediktusregel war mir wieder etwas sehr fremdes.
Wäre das etwas für immer? Keine neue Arbeitsstelle, sondern etwas für's Leben? Wen sollte ich fragen? Damals lebte Therese Neumann in Konnerstreuth noch. Von meinem Bruder hatte ich ein Büchlein über sie von der Luise Rinser bekommen. Darin wird berichtet, dass sie manchem Besucher seine unausgesprochenen Fragen beantwortet hat. Ich habe ernsthaft überlegt, dorthin zu fahren. Ich wollte so gerne sicher gehen. Aber wieder war es die Grenze und fehlendes Geld - es kam nicht zustande. Und im Allerinnersten glaubte ich, wer es so genau wissen will, ob das nicht Mangel an Vertrauen ist? Und die Leiterin der Auxiliaires schrieb damals: "Wenn Sie so etwas anspricht - könnte es sein, dass Einer Sie anspricht?"

So fing es an, unser erstes Noviziat in der DDR - 1958. Wir waren zu dritt. Gelebt und gearbeitet habe ich seitdem in Naumburg, in Halle an der Saale, in Winterstein, in Rudolstadt und in Bad Langensalza in Thüringen, als Fürsorgerin, als Köchin, die meiste Zeit mit alten Menschen. Und jetzt lebe ich hier im Zentrum.
Und wie in dem Buch in unserer Bibliothek - auch über meiner Lebensgeschichte könnte die Überschrift stehen: "Manchmal schlimm - immer schön!"

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