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Lebenszeugnis Elisabeth L.

Ohne Netz und doppelten Boden

Elisabeth L. (*1941), Krankenschwester

Mein koreanischer Name ist Ok Re, und ich komme aus Gang won do Wanju City in Südkorea. Auf dem Bild sehen Sie mich mit einem jungen Mitglied unserer Gemeinschaft aus Guatemala, Lateinamerika; und ich möchte Ihnen jetzt erzählen, wie es dazu kam.

Meine Familie war ursprünglich nicht christlich, sondern wir hatten keine Religion. Mein Vater ist früh gestorben. Im Koreakrieg 1950-53 mussten wir fliehen, und meine Mutter und wir übrigen Geschwister wurden von meinem ältesten Bruder getrennt. Lange wussten wir nicht, wo er war, aber schließlich haben wir uns wiedergefunden.

In der Stadt, in der mein ältester Bruder damals arbeitete, gab es verschiedene christliche Kirchen, und eines Tages – die Glocken läuteten – ging er einfach hinein. Ob es eine evangelische oder eine katholische Kirche war, wusste er nicht; aber der Gottesdienst hat ihm gefallen, und er fühlte sich angesprochen. In der gleichen Nacht hatte er einen Traum, vom Sieg über eine große Schlange. Er hat lange über diesen Traum nachgedacht – und dann ist er katholisch geworden.

Weil mein Vater tot war, war dieser Bruder sozusagen das Familienoberhaupt, und so kam es, dass ein paar Monate später auch meine Mutter, meine übrigen drei Geschwister und ich getauft wurden. Ich war 15 Jahre alt, und Elisabeth ist mein Taufname.


Ein schwieriger Weg (und ein paar Zufälle, die vielleicht keine waren)

Wegen des Koreakriegs und unserer Flucht bin ich erst spät in die Schule gekommen, und ich war viel älter als meine Mitschüler! Eigentlich wollte ich Krankenschwester werden, aber mein Bruder konnte das Geld nicht aufbringen; so habe ich nach der 10. Klasse das Gymnasium verlassen und zuhause meine Mutter bis zu ihrem Tod gepflegt. Danach habe ich gearbeitet: Putzen und Küchenarbeit im Exerzitienhaus des Benediktinerklosters Waegwan in Südkorea.
Ich war schon auf der Suche nach (m)einem Weg – aber ich wollte auf keinen Fall irgendwelche ‚Kleider‘, also eine Ordenstracht, anziehen! In ein Kloster eintreten kam deshalb überhaupt nicht in Frage … Immerhin arbeitete ich ja für ein Kloster – weil ich eben gerade dort ‚zufällig‘ Arbeit gefunden hatte. Genau dieses Kloster aber besuchte 1965 der Gründer unserer Gemeinschaft, Pater Cyprian Mayr OSB.
Das kam so: In dieser Zeit gab es einige Koreanerinnen, die nach Deutschland gegangen waren und dort das Institut kennengelernt hatten.
So entstand die Idee, unsere Gemeinschaft könnte doch mit diesen und anderen koreanischen Mitgliedern eine neue Niederlassung in Korea gründen. Also kam Pater Cyprian ins Kloster Waegwan, um dort nach weiteren Interessentinnen zu suchen!

Ich bin mit ihm über seine Dolmetscherin in Kontakt gekommen. Auch sie war eine Zeitlang in Deutschland und sogar in unserer Gemeinschaft gewesen, lebte aber damals in der Nähe von Waegwan. Es waren insgesamt drei Interessentinnen, die Pater Cyprian schließlich nach Deutschland einlud – und eine davon war ich.
Ich besorgte mir einen Pass, packte meinen Koffer und kam im Frühjahr 1966 nach Deutschland.
Ohne Rückfahrkarte und ohne Deutschkenntnisse; einfach so.
Ich habe nicht einmal darüber nachgedacht, ob ich je wieder nach Korea kommen würde! 


Als Koreanerin in einer deutschen Gemeinschaft

Aber vielleicht war das ja auch gut so. Denn ich wurde zwar sofort in die Gemeinschaft aufgenommen, aber dann musste ich drei Jahre warten, bis ich endlich die eigentliche Ausbildungszeit in der Gemeinschaft beginnen durfte! Andere, Deutsche, die nach mir eingetreten waren, kamen schon ins Noviziat, und die anderen beiden Koreanerinnen waren bereits nach Korea zurückgekehrt – nur ich musste warten! Ich glaube, es war deshalb, weil ich erst richtig Deutsch lernen sollte, um den Unterricht zu verstehen; aber es gab keinen Deutschkurs oder ähnliches. Das war für mich eine sehr schwierige Zeit. Wenn ich in Korea gewesen wäre, hätte ich die Gemeinschaft vielleicht sogar wieder verlassen!

Aber ich war in Deutschland, und ich bin dageblieben. Und endlich, 1969, bin ich dann auch ins Noviziat gekommen, und zwei Jahre später haben wir unsere erste Profess abgelegt.
Ich war glücklich!

Danach habe ich ein Jahr lang den Kurs als Schwesternhelferin in einem Krankenhaus in Bielefeld gemacht, und dann nach ein paar Monaten Wartezeit auch noch die Ausbildung zur Krankenschwester. Und dann, 1976, bin ich zum ersten Mal zu einem Besuch wieder nach Südkorea zurückgekehrt!


Gründungspläne – und was aus ihnen wurde

Nach der Ausbildung habe ich in Glücksburg als Krankenschwester gearbeitet, im Kinderkurheim St. Ansgar, das die Gemeinschaft damals betrieb. Zu dieser Zeit waren wir noch 3 Koreanerinnen in der Gemeinschaft, aber eine davon, die gerade in der Ausbildung zur Ärztin war, wurde schwer krank und starb 1978, mit noch nicht einmal 40 Jahren!

Da war es natürlich vorbei mit allen Plänen, in Korea zu gründen – wir waren ja nur noch zwei! Unser Gründer fragte uns, was wir tun wollten: in Deutschland bleiben oder nach Korea zurückgehen. Ich habe geantwortet, dass ich nach Korea gehen würde, wenn er mich schickt; ich würde aber auch in Deutschland bleiben. So bin ich in Deutschland – und als einzige Koreanerin in unserer Gemeinschaft ‚übrig‘ geblieben!


Es kommt immer anders als man denkt

Bis 1980 habe ich weiter in Glücksburg gearbeitet, aber eines Tages kam ein Anruf von Pater Cyprian. Er fragte mich, ob ich nach Norwegen gehen könnte, und ich sagte Ja – wieder ‚einfach so‘. Also musste ich natürlich Norwegisch lernen, und dann habe ich mehr als fünf Jahre im Altenheim St. Eystein in Norwegen gearbeitet. Im Frühjahr 1985 kam ich wieder zurück ins Zentrum nach Detmold, und dann – schickte mich Pater Cyprian … nach Guatemala!!

Das hieß natürlich: schon wieder eine neue Sprache lernen! Zweieinhalb Monate war ich in unserer Gruppe in Talavera zum Spanischkurs, und am 25.1.1986 bin ich nach Guatemala ausgereist. Dort habe ich in den Kliniken bzw. Gesundheitszentren in Quetzaltenango und El Palmar gearbeitet, die das Institut dort hat(te).

Im Jahr 2002 kam ich zurück nach Europa, und bin schon wenige Wochen später wieder in Norwegen gelandet. Dort lebe ich heute noch, zusammen mit vier anderen Mitgliedern unserer Gemeinschaft.

2016 werden es 50 Jahre sein, dass ich in der Gemeinschaft bin. Ich habe auf 3 Kontinenten und in 4 Ländern gelebt. Aber manchmal habe ich doch ein bisschen Chaos in meinem Kopf mit meinen vielen Sprachen!

Und jetzt, am Ende? Zu Ende ist mein Weg noch nicht – und ich weiß nicht, wohin Gott mich noch führen wird!!
Aber jetzt wissen Sie wenigstens, was es mit dem Foto auf sich hat …!


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