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Lebenszeugnis Christel G.

"Jugend ist kein Hindernis – man wird jeden Tag älter.“

Christel G. (*1932), Sozialarbeiterin

Das schrieb mir Pater Cyprian Mayr OSB, der Gründer unserer Gemeinschaft, 1949 als Antwort auf meine Anfrage. Ich war gerade mal 17 Jahre alt.
Eigentlich drängte es mich in die Mission; ich hatte auch schon an einen Missionsorden geschrieben, als ich von der dringenden Not in der Diaspora in Schleswig-Holstein und von der geplanten Neugründung hörte. Am liebsten hätte ich sofort meinen Koffer gepackt und wäre, zusammen mit einer Freundin, losgefahren. Es war nicht viel einzupacken – wir waren Flüchtlinge aus dem Sudetenland, heute Tschechien. Ich hatte die Mittelschule absolviert und sollte die finanzielle Notlage unserer Familie verbessern helfen. Meine beiden Schwestern besuchten höhere Schulen.

Doch nicht in eine Gemeinschaft, die noch gar nicht existiert!
Meine Eltern plagte die Sorge, dass sie mir nicht ausreichend Kleider und Wäsche mitgeben könnten, sie könnten auch nicht für den hohen Fahrpreis aufkommen, und überhaupt, auf die Insel Sylt und ich sei noch zu jung. Alle stellten sich mir entgegen, besonders mit dem Einwand, doch wenigstens nicht in eine Gemeinschaft einzutreten, die noch gar nicht existierte.
Und dennoch: Am 9.9.1949 traf ich in freudiger Erwartung, aber auch mit gemischten Gefühlen, in Westerland auf der Insel Sylt ein. Pater Cyprian holte mich am Bahnhof ab.
Was war denn der Antrieb, die neu gewonnene Heimat in Bayern, die Familie zu verlassen und sich in eine unsichere Zukunft zu begeben?
Es war die unbeschreibliche materielle und geistig-geistliche Not im Nachkriegsdeutschland, und es war ein Gezogenwerden von innen her. Ich war in einer katholischen Familie groß geworden, hatte Krieg, Besetzung durch die Nazis in der damaligen CSR, dann die Russen und die Vertreibung erlebt. Halt und Zuversicht hatte ich aus der Eucharistie und dem Wort Gottes empfangen.
Es gab keinen blitzartigen Erleuchtungsaugenblick, aber der Glaube, die Begegnung mit Jesus Christus im Gebet, gibt natürlich ein Licht und man weiß: Das ist der Weg. „Ihr müsst euch in Christus Jesus verlieben“, würde später einmal Pater Cyprian sagen, als er den vielen Menschen, den Not- und Hungerleidenden, den Kranken begegnete.
„Der Weg wächst im Gehen unter deinen Füßen, wie durch ein Wunder.“ Dieses Wort von Reinhold Schneider drückt die Erfahrungen des Anfangs unserer werdenden Gemeinschaft aus. Es existierte ja praktisch noch nichts außer einem kleinen Statut – kein sichtbares Modell, dem wir hätten nacheifern können. Der Weg konnte nur Jesus Christus sein. „Ich bin der Weg.“

Harte Anfangsjahre ...
Zu Beginn waren wir eine Schar von 18 Frauen, die am 1. Adventsonntag 1949 die Formungszeit begonnen haben, und am 12. März 1951 legten wir unsere ersten Gelübde ab. Wir waren äußerst verschieden an Alter, Beruf, geografischer und sozialer Herkunft und Temperament, eine einsatzfreudige, begeisterte, aber etwas „ungehobelte“ Schar.
Wir mussten zuerst noch lernen, was Gemeinschaft heißt: jede sich selbst und einander anzunehmen, so wie Gott uns geschaffen hat, und auch alle Neuankommenden.
Ich war die Jüngste, ganz unerfahren und auf das Verständnis der „Größeren“ angewiesen. Pater Cyprian suchte eine Sekretärin. Das war zwar nicht mein Hobby, aber ich konnte bei dieser Gelegenheit die Gedanken von Pater Cyprian, seine Ideen und Wünsche, das Charisma, das er für unsere Gemeinschaft von Gott empfangen und das die Kirche angenommen und approbiert hatte, besser kennen und verstehen lernen. Später arbeitete ich als Erzieherin im praktischen Einsatz bei Kindergruppen aller Altersstufen im Kindererholungsheim, unserer Gründungsstätte in Westerland / Sylt und durfte Pater Cyprian im Seelsorgedienst auf der Insel begleiten, zunächst per Fahrrad, dann mit dem Dreirad und schließlich mit einem richtigen Auto. So lernte ich echte Diaspora kennen.
Das tägliche Brot mussten wir uns durch harte Arbeit verdienen. Von einem Pater erhielten wir Spenden aus Amerika (Milchpulver, Käse, usw.). So lernten wir praktisch und am eigenen Leib die Spannung zwischen Ora und Labora (bete und arbeite) auszuhalten, zwischen Individuum und Gemeinschaft.
1953-1955 durfte ich das Studium als Sozialarbeiterin in Freiburg / Br. absolvieren – vorher war es einfach nicht möglich. Dazu gehörten die entsprechenden Praktika, z.B. bei der Bahnhofsmission (Hannover), im Grenzdurchgangslager Friedland, im Jugendamt (Bielefeld), in einer Frauenklinik (Wittenberg / Lutherstadt DDR).

... und das langsame Wachsen der Gemeinschaft
Der Osten lag uns besonders am Herzen. Ich lernte auch die verschiedenen Aufgaben unserer Gemeinschaft durch praktische Mitarbeit kennen, besonders bei unseren Anfängen in Mission und Entwicklungshilfe in Rwanda-Kongo / Afrika und in Guatemala, mit allen Freuden und Leiden, z. B. beim Erdbeben in Guatemala 1976 und beim Genozid in Rwanda 1994, beim Vulkanausbruch in Goma. Aber ich erfuhr auch die große Freude darüber, dass nun einheimische Mitschwestern die Verantwortung in der Leitung übernehmen können.

Leitungsverantwortung
Nach einer schweren Erkrankung unserer ersten Leiterin hatte mich Pater Cyprian bereits 1958 um meine Mitarbeit gebeten; das wurde 1970 von der Gemeinschaft durch Wahl bestätigt. Obwohl ich noch zu jung und unerfahren war, sagte ich mein Ja, im Vertrauen auf Gottes Beistand und die Geduld meiner Mitschwestern. Es war oft nicht leicht, und Enttäuschungen blieben nicht aus, wie in jedem Leben und jedem Beruf. Wir alle wachsen daran. Pater Cyprian danke ich für alles, was ich durch ihn lernen und erfahren durfte. Ich habe besonders seine Anpassungsfähigkeit bewundert. Er hat uns beigebracht, die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen. Er konnte Pläne umstellen, wenn es die Situation verlangte. Trotz seines impulsiven Charakters war ihm die Unterscheidung, die Maßhaltung des hl. Benedikt ein besonderes Anliegen. Bis zu seinem Tod 1992 durfte ich Pater Cyprian auf vielen Fahrten und Besuchen begleiten, oft mit einer Reisebegleitung in unserem Kombi, innerhalb der Bundesrepublik und Europas, von Sylt nach Bayern, vom Osten, von Tschechien nach Paris, Spanien, London, von Norwegen nach Rom.
Wertvoll waren die Begegnungen mit anderen Gemeinschaften und Säkularinstituten, namentlich durch die Mitarbeit in der CMIS (Weltgemeinschaft der Säkularinstitute). Durch diese Kontakte habe ich umso dankbarer unsere benediktinische Spiritualität schätzen und lieben gelernt. Im Jahre 1998 konnte ich die Leitung an meine Nachfolgerin weitergeben.

Samenkörner, die das Leben in die Zukunft weitertragen
Wir Seniorinnen der Gemeinschaft, die wir nicht mehr beruflich tätig sind, tragen alle Anliegen vor Gott. In großer Dankbarkeit gegenüber der Gemeinschaft die uns trägt, leben wir im Heute – als lebendige Zelle in der Gemeinde Flensburg, als Samenkörner, die das Leben in die Zukunft weitertragen.

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