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Viele Grüße von der Seehundbank

Viele Grüße von der Seehundbank

Was haben Gott, Schwarze Löcher und diese „Seehundbank“ miteinander zu tun?
Nichts, eigentlich. Aber.

Andersherum wird auch noch lange kein Schuh daraus. Aber wenigstens ein Anhaltspunkt. Etwas, das man sehen kann: Dieses Bild. Diesen Text. Und es gibt diesen Moment der Irritation, wenn beides mit der Vorstellungskraft und unserem Wissen von der Welt kollidiert: Nein, das ist kein Seehund, und das Ganze erst recht keine Seehundbank! („Echtes“ Anschauungsmaterial gibt’s auf den Nordseeinseln. Sonst notfalls bei Google.)

Trotzdem begreifen wir, was gemeint ist. Intuitiv. Und schmunzeln. Jenseits der engen Grenzen der Linguistik liegt ein Verstehen, das man nicht ‚machen‘ kann. Entweder es stellt sich von ganz alleine ein. Oder gar nicht.
Es fängt ganz harmlos an, dieses Verstehen jenseits der Worte, bei dieser „Seehundbank“. Und endet in den Abgründen der Astrophysik, ja der Religion. Wissenschaftlich vollkommen unzulässig. Aber genau hier – endlich! – ist der missing link, das Verbindende dieser etwas absurden Begriffsreihe: In jedem der drei geraten wir an die Ränder des Sag- und Verstehbaren.

Die Seehundbank hätten wir ja schon geklärt. Aber was soll man denn von diesen ‚Etwassen‘ halten, die die moderne Astrophysik erforschen will?
Etwas, das keiner je gesehen hat noch jemals sehen wird (denn selbst das Licht hat keine Chance dagegen, sondern verschwindet einfach, auf Nimmerwiedersehen).
Etwas, was weder zu erklären noch widerspruchsfrei zu beschreiben ist.
Selbst der Name dieser ‚Etwasse‘ ist nur eine Chiffre, ein Bild – fairerweise müsste man sagen: die sogenannten ‚Schwarzen Löcher‘. Sie scheinen der Gesetze der Physik und Mathematik zu spotten, dank derer sie doch entdeckt wurden; ja, wir wissen noch nicht einmal, ob sie wirklich existieren – wir sehen nur, dass sie wirken.

Und was hat das alles jetzt mit Religion, mit Glauben, mit Gott zu tun?
Nun, vielleicht können diese Geheimnisse unseres Universums in seiner schieren Endlosigkeit, mit seinen für den menschlichen Verstand fast unfasslichen Phänomenen, ein Bild sein für Erfahrungen des Glaubens, wie sie wohl manche(r) von uns macht. Vielleicht häufiger, als man gemeinhin vermuten würde. Erfahrungen, wie sie eine Marie Noël gemacht haben muss, wenn sie über Gott schreiben kann, das Geheimnis sei der Schleier, den Gott über sich selber werfe, um den Menschen zu schonen. Und trotzdem treibt uns etwas, dieses Geheimnis ergründen zu wollen. Meist nennen wir es „Wissenschaft“. Bisweilen auch „Glauben“.

Zu schwierig? Dann nehmen wir ein anderes Bild, das wohl uns allen aus unseren Erinnerungen an Kinder- und Jugendtage vertraut ist: Wer hätte das nicht auch getan, früher einmal: an einem heißen Sommertag sich einfach in eine Wiese zu legen und hinaufzuschauen in den wolkenlosen Himmel? Die Sonne brennt heiß auf einen herunter, vielleicht schreit irgendwo ein Bussard, die Grillen zirpen – und darüber ein schier endloses Blau …

Das Paradoxe daran: diese blaue Unendlichkeit ist in Wahrheit nur allzu endlich – an den Grenzen der Atmosphäre nämlich, die unseren kleinen Heimatplaneten umgibt.
Erst diese Grenze gibt uns im wörtlichen Sinne den „Lebens-Raum“, den Raum zum leben – ohne sie könnten wir gar nicht existieren. Und nur weil sie das Licht filtert und bricht, ist unser Himmel blau – andernfalls nämlich würden wir geradewegs hinausschauen in die Schwärze des Weltraums auf der einen Seite und das gleißende Licht unserer Sonne auf der anderen. Und es würde uns töten, träfe uns seine Strahlung direkt.

Vielleicht erginge es uns genauso, wären wir Gott ungeschützt ausgesetzt. Ohne das Geheimnis, das ihn vor unseren Augen verbirgt. Ohne den Schatten, den das Licht wirft. (Wer je in südlichen Ländern unterwegs war, wird ihn zu schätzen wissen.) Wir leben „im Schatten seiner Hand“, sagt die Bibel über den Menschen vor Gott. Und das ist – letztendlich – gut so. Auch eine Marie Noël, auch die Heiligen und die Mystiker aller Zeiten haben nicht ‚Gott selber‘ geschaut. Aber sie waren seinem Geheimnis vielleicht näher als unsereiner ihm je kommen wird. Menschen wie sie leben an den Grenzen der Erfahrung, gleichsam an den Rändern des Raumes, der unserer Existenz Bedingung und Grenze zugleich ist. (Und uns anderen rieselt vielleicht ein leiser Schauer über den Rücken angesichts ihrer Erfahrungen…)

Aber in ihrem Leben und Zeugnis ‚bricht‘ sich das unfassliche Licht der Gottheit zu menschlich erfahrbaren Maßen und verrät ein wenig von jenem ewigen Leuchten, von dem diese Erfahrungen nur der ‚Schatten‘ sind.

Was noch lange nicht heißt, dass sie davon sprechen können.
Oder dass wir es verstehen würden.
Wenn da nicht wenigstens ein kleines bisschen von dem ist, was uns über das Bild von der „Seehundbank“ schmunzeln (und über die Fremdheit Gottes erschrecken) lässt –
eine Ahnung von der Wirklichkeit, die hinter den Worten steht …